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„Unsere Vision: Vollkommen autonome und orchestrierte Produktion über Standorte und Ländergrenzen hinweg“

19 Ottobre 2026

Durst Group geht mit dem neuen KI-gestützten System Kyveris stark in Richtung Industrial Intelligence.

Kyveris soll Dateien, Maschinen, Software, Daten und KI in einem System vereinen, kontinuierlich lernen, die Produktionsleistung optimieren und Verschwendung reduzieren. Der Mensch bleibt zentral, seine Rolle aber verändert sich. Er wird zum Designer des Prozesses. Michael Deflorian, der Vize-Präsident von Kyveris & Software Solutions, hat im Rahmen der Veranstaltung SHE innovates bei der Durst Group in Brixen die Vision dahinter erklärt.

Michael Deflorian, Vice President Kyveris & Software Solutions – © 2026 Durst Group

Wie kann Druckproduktion intelligenter funktionieren?

Michael Deflorian: Eine Druckproduktion besteht aus vielen Prozessschritten, von der Gestaltung und Konfiguration des Druckprodukts bis zum Versand. Jeder Schritt erzeugt Daten, doch heute sieht jedes System nur seinen eigenen Ausschnitt. Intelligenter wird Produktion, wenn diese Daten nicht nur verstanden, sondern in den Kontext des gesamten Prozesses gesetzt werden: Was bedeutet dieser Stillstand für den Auftrag, dieses Material für die Maschineneinstellung, dieser Fehler für den nächsten Job? Aus diesem Zusammenhang entstehen Entscheidungen, mit dem Ziel von Maschinen und Prozessen, die sich selbst parametrieren und optimieren.

Kyveris Sandbox auf der Messe Fespa 2026, Barcelona – © 2026 Durst Group

Was ist also Kyveris? Wann wurde das Projekt gestartet? Was ist die Idee dahinter?

Michael Deflorian: Durst ist führender Anbieter von digitalen Druck- und Produktionstechnologien. Kyveris ist der Weg von Durst, Maschinen, Software, Daten und KI in der digitalen Druckproduktion zu verbinden. Die Idee entstand 2024 bei CEO Christoph Gamper, und sie geht auf eine Beobachtung bei Kundenbesuchen zurück: Die Produktion ist teilweie hochautomatisiert, aber das Lernen hängt noch an den Menschen. Wissen über Zusammenhänge zwischen Fehler und Ursache oder Material und Verhalten steckt in den Köpfen der Bediener. Öffentlich vorgestellt wurde Kyveris im Mai 2026 auf der FESPA, seitdem wird es gemeinsam mit Beta-Kunden entwickelt.

Michael Deflorian – Messe Fespa in Barcelona – © 2026 Durst Group

Was kann Kyveris – besser oder anders als bisher?

Michael Deflorian: Kyveris vereint Dateien, Maschinen, Software, Daten und KI in einem System, das kontinuierlich lernt, die Produktionsleistung optimiert und Verschwendung reduziert. Es ist kein einzelnes Produkt, sondern ein System: Durst-Produkte sind die Referenzimplementierung, und über die Open Software Initiative lassen sich auch Maschinen und Software anderer Hersteller anbinden. Der Unterschied zu klassischer Automatisierung und MES: Diese führen aus. Kyveris bringt Produktionswissen und Live-Daten zusammen, damit nicht nur beobachtet, sondern gehandelt werden kann. Es arbeitet nicht mit festen Wenn-dann-Regeln, sondern mit Mustern, die aus Produktionsdaten gelernt werden, und wir beginnen immer mit einem realen Problem in einer realen Produktion.

Vier neue Funktionen, die wir zur PRINTING United gezeigt haben, laufen mit Beta-Kunden:

  • Ink Forecasting: Ein Modell lernt aus vergangenen Aufträgen den Tintenverbrauch je Farbe und Maschine, prognostiziert täglich für die kommenden Wochen und vergleicht mit Bestand und Verfallsdatum. Aufträge, Tintenwechsel und Servicebesuche lassen sich so rechtzeitig planen, und das Verfallen von Tinte inklusive Beschädigungsrisiko für die Drucker verhindert.
  • Durst Insight: Maschinen- und Bedienerdaten kommen in einer Ansicht zusammen. Bei längerem Stillstand wählt der Bediener direkt an der Maschine den Grund. Aus diesen erfassten Ursachen werden Trends und echte Engpässe sichtbar.
  • Durst Service Chatbot: Er antwortet auf Wartungsfragen zum Drucker auf Basis von Durst-Dokumentation und Servicehistorie. Er ist intern im Einsatz, erste Kunden folgen im Rahmen des Beta Programmes.
  • Durst Analytics Chatbot: Er macht Dashboards per Frage zugänglich. Aktuell kennt er die Produktdokumentation, die Anbindung an Produktionsdaten wird gerade gebaut. Damit wird sich das Dashboard zur Analyse der Produktivität flexibel auf die Bedürfnisse der Kunden anpassen und individuelle Analysen ermöglichen

Als nächster Bereich folgt der Zwilling von Maschine und Prozess, in dem Einstellungen und verschiedene Produktionsszenarien simuliert werden, bevor sie durch die Maschinen umgesetzt werden. Damit kann der Kunde Trade-off Entscheidungen auf Basis von Simulationsergebnissen treffen.

Messeautritt Fespa 2026 – © 2026 Durst Group

Mit welchen Daten wird gearbeitet?

Michael Deflorian: Mit Daten entlang des gesamten Prozesses, von der Gestaltung und Konfiguration des Druckprodukts über Workflow und Maschine bis zum Versand. Dazu gehören Maschinen- und Prozessdaten, Auftragsdaten und Informationen, die Bediener erfassen, etwa Stillstandsgründe. Hinzu kommt Durst-eigenes Wissen aus über 90 Jahren Entwicklung: Dokumentation, Servicehistorie, Labordaten, eigene Materialtests und Maschinendaten. Davon speisen sich unter anderem die Chatbots. Die Kundendaten gehören dem Kunden. Er behält die Kontrolle darüber, was geteilt wird, und wettbewerbssensible Daten werden nicht zwischen Unternehmen ausgetauscht.

Headquarter Durst Group Brixen – © 2026 Durst Group

Was ist die Vision, das Ziel?

Michael Deflorian: Die Vision: Kyveris ermöglicht unseren Kunden Lights-out-Production, also vollkommen autonome und orchestrierte Produktion über Standorte und Ländergrenzen hinweg. Der Weg dorthin führt über zunehmend autonome, selbstlernende Produktionsumgebungen, in denen Maschinen, Workflows, Daten und Automatisierung als ein integriertes System zusammenwirken. Kyveris ist dabei bewusst kein einzelnes Produkt, das man kauft, sondern ein System, zu dem man sich über Kyveris-ready-Hardware und Kyveris-basierte Software schrittweise Zugang verschafft. Es ist eine Investition in die Fähigkeit, künftige Kyveris-Funktionen zu nutzen, sobald sie verfügbar sind.

Drei Ziele stehen dabei im Mittelpunkt:

  • Konsistenter Output: dieselbe Datei, dasselbe Ergebnis, über Maschinen, Schichten und Standorte hinweg.
  • Nachhaltige Produktion: vor allem weniger Ausschuss und Verschwendung bei Material, Tinte und Einrichtläufen.
  • Autonomer Betrieb: Maschinen, die sich zunehmend selbst parametrieren und begrenzte Entscheidungen selbst treffen. Das wächst schrittweise: Das System übernimmt Verantwortung erst, wenn Kunden den Nachweis für seine Zuverlässigkeit und Robustheit im Produktionsalltag sehen.

© 2026 Durst Group

Wie weit ist Kyveris auf dem Weg?

Michael Deflorian: Kyveris ist ein System im Aufbau und wird nie ganz fertig. Wir vergleichen es mit einer Stadt: Neue Straßen verbinden sich mit bestehenden, und jedes neue Viertel macht die alten nützlicher. Die Kyveris Sandbox, die wir auf der FESPA gezeigt haben, ist ein Direction Statement und zeigt, wohin die Reise geht. Aktuell liegt der Fokus auf dem Aufbau der Architektur, also Software und Daten. Parallel liefern wir kontinuierlich die ersten Funktionen aus und gestalten darüber gemeinsam mit unseren Kunden die Zukunft der Druckindustrie. Unser Schlüsselwort dafür: Building.

Die ersten Funktionen stammen aus drei Bereichen: Machine Learning, vernetzte Daten und Conversational AI. Machine Learning ist dabei ein zentraler Baustein. Modelle lernen aus vergangenen Produktionsdaten und erkennen Muster, bevor sie zum Problem werden. Ink Forecasting ist die erste Kyveris-Funktion auf dieser Basis, weitere Modelle sollen auf derselben Datenpipeline aufbauen und werden besser, je mehr Daten sie sehen. Bereits vier Funktionen laufen im Beta-Betrieb, keine ist abgeschlossen, weitere werden folgen. Wir prüfen jede mit drei Fragen: Funktioniert es? Kann es jemand nutzen, der es nicht gebaut hat? Sind die Ergebnisse gut genug, um darauf zu handeln?

Was sind die Herausforderungen?

Michael Deflorian: Kyveris ist keine klassische Produktentwicklung, die wir nach Abschluss in den Markt bringen. Kyveris ist ein System für Industrial Intelligence, das gemeinsam mit unseren Kunden wächst, an ihren Produktionsstandorten, mit ihren Maschinen und Produktionsteams und auf Basis ihres Feedbacks. Die Herausforderungen, die wir für sie lösen, sind sehr konkret:

  • Tinte, die im Regal verfällt
  • Maschinen, die ohne Vorwarnung ausfallen
  • Produktionswissen, das auf Dokumente und wenige Experten verteilt ist
  • Qualität, die von einzelnen Bedienern abhängt
  • Systeme, die nicht miteinander sprechen

Unsere eigenen Herausforderungen: eine System- und Datenarchitektur, die produktübergreifend trägt, und der Anspruch, ehrlich zu benennen, was bereit ist und was nicht. Bevor eine Maschine und Produktion lernen kann, muss die Organisation lernen, auch unsere.

© 2026 Durst Group

Wie wichtig ist dennoch die Ressource Mensch? Wie wird sich das Berufsbild in der Produktion verändern?

Michael Deflorian: Der Mensch bleibt zentral, seine Rolle verändert sich. Heute ist er oft die Middleware zwischen Systemen, die einander nicht verstehen. Künftig wird er zum Designer des Prozesses: Er legt fest, was das System entscheiden darf, bewertet Ausnahmen und bringt Erfahrung ein. Schon heute fließt sein Wissen ins System, etwa mit dem Stillstandsgrund, den er an der Maschine erfasst. Das System macht dieses Wissen für den nächsten Auftrag, den nächsten Bediener und die nächste Schicht verfügbar. Das Berufsbild verschiebt sich von der Bedienung zur Gestaltung und Steuerung der Produktion.